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Alexander Stern: die Welt ist schlecht, der Honig süß

Vortrag der Kunsthistorikerin Dr. Kirsten Remky anlässlich der Ausstellungseröffnung in der Augenklinik Regensburg, 23. Oktober 2016 

Alexander Stern, 1976 in Deggendorf geboren, ist in Viechtach im Bayerischen Wald aufgewachsen. Von 1996 bis 2002 studierte er an der Akademie der Bildenden Künste München, im Jahr 2000 war er Gaststudent an der Bauhaus-Universität Weimar. Seine Arbeiten wurden im In- und Ausland (Schweiz, Italien, Südkorea, Niederlande) gezeigt und mit Preisen honoriert, wie z.B. 2014 mit dem Kulturpreis des Kunst- und Gewerbevereins Regensburg. Seit 2005 lebt und arbeitet Stern bei Straubing in Niederbayern.


Der Titel der Ausstellung „die Welt ist schlecht, der Honig süß“ klingt wie eine lapidare Redensart, als ob man sich schon längst mit den negativen Geschehnissen in der Welt abgefunden hat; oder die Gräueltaten sind zumindest so weit entfernt, dass wir selbst nicht direkt betroffen sind. Denn: „… es geht uns gut. Der Honig auf dem Frühstücksbrot schmeckt süß wie eh und je“, so kommentiert Stern seine Formulierung.Entstanden ist der Ausstellungstitel in der Zeit des Amoklaufs in München, der sogenannten Säuberungsaktion in der Türkei und der Attentate mit terroristischem Hintergrund in Würzburg und Ansbach im Juli 2016. Mittlerweile sind diese Verbrechen von neuen leidvollen Nachrichten aus der Welt überrollt, haben an Aktualität längst verloren und geraten zunehmend in Vergessenheit. 
Redewendungen, knappe Statements, Liedtexte oder Zitate in ungewohnter Kombination sind für Stern als Ausstellungstitel und für seine Lichtinstallationen von besonderer Bedeutung. Zum Beispiel bei der hier ausgestellten Installation eines ausgetrockneten Baumes mit der leuchtend gelben Neonschrift „NÖÖÖ!“ (2016) thematisiert Stern die Harmoniebedürftigkeit des Menschen, der sich vor dem konsequenten „Nein“ scheut. In einigen Bildern hat er Sprechblasen mit Worten in die Farbschichten eingeritzt. Seine Wortverbindungen können erklären, irritieren oder sogar verwirren; sie sind teils ironisch-humorvoll oder lyrisch und erfinderisch. Für seine Ölgemälde und Papierarbeiten wählt Stern eher nüchterne Titel, die lediglich das zentrale Motiv knapp benennen, wie „Fabrik“, „Jagdhütte“ oder „Gebüsch“. 
Der Ausstellungstitel „die Welt ist schlecht, der Honig süß“ ermöglicht einen weiten Interpretationsspielraum. Während diese Redewendung auf die vom Menschen gewollte Distanz anspielt, so ist auch eine gewisse Anonymität und Zurückgezogenheit in vielen seiner Bildern zu erkennen. Weder der Ausstellungstitel noch die Bildmotive wirken dramatisch, sondern sind eher von einer scheinbaren inneren Gelassenheit bestimmt. 


In seiner Malerei bewahrt Alexander Stern stets den Bezug zum Gegenständlichen. Ausgangspunkt ist das Alltägliche, das Gewohnte, das Unauffällige. Fotografien inspirieren ihn, die er malerisch nachahmt. Eine Holzhütte im Wald, ein Pilzesammler in gebückter Haltung, die Spiegelungen einer Wasseroberfläche oder die Fassade eines Hochhauses gehören zu seinen Motiven. Mit schablonenhaften Rastermustern, mit vegetabilen-organischen Geflechten oder gardinenartigen Vorhängen überlagert und verunklärt er in mehreren Malschichten das Gegenständliche, sodass ein Spannungsverhältnis zwischen Wirklichkeit und Auflösung entsteht. Stern versteckt zumindest ansatzweise seine Motive in einem ornamentalen Flechtwerk einfachster Formen von Linien und Punkten. Peitschenlampen am Straßenrand werden von Zweigen überwuchert oder ein Flugzeug verflüchtigt sich im fliegenden Vogelschwarm. Das Dargestellte wirkt unnahbar, undurchdringlich und undurchschaubar. Die Natur wird oft zum Hauptakteur in seiner Bildwelt. Es scheint, als ob die Natur das vom Menschen Geschaffene vereinnahmt und lautlos zurückerobern würde. 


Die Personen und das Gegenständliche sind anonym. Nicht selten entsteht ein Déjà-vu Gefühl, das Erinnerungen hervorruft, an eine ähnlich erlebte Situation oder eine Szene aus den Medien. Die unlogisch und zusammenhangslos wirkenden Kompositionen verstärken das Irreale. Zugunsten eines imaginären Raumgefühls missachtet Alexander Stern die Gesetze der Perspektive. Jedes Bild ist von einer illusionistischen Tiefe bestimmt, die den Ausdruck des Geheimnisvollen steigert. Baukräne und Fabrikgebäude schweben vor hellblauer Kulisse, Lampen hängen unmittelbar vor einer Gebirgswand oder ein Gesicht taucht überraschend im Dickicht eines heimischen Waldes auf. 


Nur langsam erschließen sich die Bildinhalte, die im ersten Moment rätselhaft erscheinen. Das Dargestellte lässt genügend Raum für Assoziationen und Reflexionen. Die Thematik ist oft von einer gewissen Nachdenklichkeit geprägt, wie in dem Werk „stilles Leben“ (2016), das uns den Vanitasgedanken symbolisch vor Augen führt. Stern zeigt einen Baum, dessen lebensnotwendigen Wurzeln in einem übergroßen Würfel fest einbetoniert sind und damit sein verfrühtes Absterben vorbestimmt. Die Dramatik des Sterbens wird durch die gedämpfte Farbgebung, die sanfte Malweise und weißen Punkte, die an leise herabfallende Schneeflocken erinnern, gemildert. Andere Bilder können ein Gefühl zwischen Unbehagen und Mitleid auslösen, wie das Bild „Die Sendung“ (2016), auf dem ein Jugendlicher mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze und verschränkter Armhaltung zu sehen ist. Seine Körperhaltung signalisiert jegliches Desinteresse an Kontakt. Liniengeflechte gewinnen an Eigenständigkeit; sie rücken den Schauplatz in die Ferne und schaffen Distanz.


Die Figuren in Alexander Sterns Bildern sind anwesend und verflüchtigen sich zugleich. Eine eigensinnige Ornamentik durchzieht sein malerisches Werk, sorgt für das Verschmelzen von Realität und Fiktion, entschärft die Spannung und suggeriert durch zarte florale Gebilde sogar in einigen Werken eine poetische Stimmung. Stern ist ein guter Beobachter gesellschaftlicher Phänomene, die er symbolhaft thematisiert. Seine Bilder und seine Lichtinstallationen liefern keine Antworten auf kosmopolitische Konflikte, doch sie kommentieren die Verlorenheit des Menschen auf sensible Art und Weise. 

Herzlichen Dank an Alexander Stern!
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Dr. Kirsten Remky





Noch konkretere Poesie

Alexander Sterns Arbeiten bieten eine bemerkenswerte Weiterentwicklung von Ideen und Zielen, die früher mit Konkreter Poesie verbunden waren. Es ist nicht oft, dass jemand Humor und eine gewisse Komik in die Kunst hineinträgt, ohne sich jedoch auf Gags zu beschränken. Letzteres ermüdet schnell und macht Arbeiten oft zu Sekundenereignissen, ersteres trägt und führt sogar zu einer angenehmen Entspannung des oft überstrapazierten Kunstbegriffs. Sterns Arbeiten werden getragen von einer hintergründigen Menschlichkeit: sie sind human, ohne moralisch zu kommen. Und sie strahlen eine merkwürdige Weisheit aus.

Prof. Dr. Wolfgang Ullrich


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